Forum Wärmepumpe in Berlin

Elektrisch heizen 4future

Unter kurzfristig etablierten 2G+-Regeln fand am 24. und 25. November das 19. Forum Wärmepumpe wieder in Präsenz statt. Im Mittelpunkt standen die Energiewende im Gebäudesektor und die zentrale Rolle für Wärmepumpen. Erstmals präsentierten auch Vertreter von Stadtwerken und Kommunen diverse Projekte in der Reihe „Wärmepumpen kommunal und urban“.

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Dank eines detaillierten Schutz- und Hygienekonzepts kamen im Kongresszentrum des Estrel Hotels Berlin knapp 120 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen. Außerdem waren ca. 200 Teilnehmende online zugeschaltet. Bild: HUSS-MEDIEN GmbH
Dank eines detaillierten Schutz- und Hygienekonzepts kamen im Kongresszentrum des Estrel Hotels Berlin knapp 120 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammen. Außerdem waren ca. 200 Teilnehmende online zugeschaltet. Bild: HUSS-MEDIEN GmbH

Der erste Forumstag im Kongresscenter des Estrel Hotels Berlin drehte sich um die Wärmepumpe eher im Sinne eines ruhenden Zentrums, denn angesprochen wurden zunächst die Themen Energiewende und Gebäudeeffizienz sowie der nötige politische, rechtliche und der Förderrahmen zum Umbau der Gebäudewärme. Zudem wurde die Veröffentlichung des Koalitionsvertrag erwartet, die dann gegen 15:00 Uhr kam. Tag 2 galt den praktischen Lösungen, speziell dem Einsatz von Wärmepumpen in Kombination mit Erneuerbaren etwa in Quartierswärmenetzen.

Wärmewende mit Wärmepumpe

„Viele Studien zeigen, dass die Wärmepumpe das führende Heizsystem für die Energiewende ist. Auch Stadtwerke untersuchen, wie sie für Nahwärmenetze eingesetzt werden kann“, eröffnet BWP-Vorstandsvorsitzender Paul Waning das Forum. Die Wärmepumpe verzeichnet stetig hohe Zuwächse, erinnert BWP-Geschäftsführer Martin Sabel, und das trotz hohem Strompreis und langjährigem Preisvorteil der fossilen Energien. 2030 soll es in Deutschland 6 Millionen geben. Die Bedingungen ändern sich: Die Öl- und Gaspreise explodieren und die EEG-Umlage sinkt 2022 von 6,5 auf 3,7 Ct/kWh.

„Bei Raumwärme und Warmwasser haben Erneuerbare heute einen Anteil von erst 16 % – und das ist überwiegend Bioenergie“, sagt Prof. Dr. Hans Martin Henning, Leiter des Fraunhofer ISE, Freiburg, „Eine Systemanalyse des Fraunhofer Instituts zeigt, dass die direkte Elektrifizierung mit Wärmepumpen und der Ausbau der Wärmenetze zentrale Bestandteile der Wärmewende sind. Eine indirekte Elektrifizierung (durch Wasserstoff) wird hingegen im Gebäudesektor bis 2030 keine Rolle spielen.“ Die Stromnetze werden damit künftig höhere Lasten tragen und starken saisonalen Schwankungen unterworfen sein. Abhilfe könnten Wärmespeicher und zusätzliches Engagement der Netzbetreiber beim Netzausbau schaffen. Zudem müssten geänderte politische und kommunale Rahmenbedingungen her.

Eckpunkte aus dem Koalitionsvertrag

Die auslaufende KfW-EH55-Neubauförderung wird durch ein Förderprogramm mit Fokus auf THG-Emissionen pro m² Wohnfläche abgelöst und das GEG wird wie folgt geändert: Ab 01.01.2025 soll jede neu eingebaute Heizung mit mindestens 65 % erneuerbaren Energien betrieben werden. Ab 01.01.2024 werden für wesentliche Ausbauten, Umbauten und Erweiterungen im Bestand die Standards so angepasst, dass die auszutauschenden Teile dem KfW-EH 70 entsprechen. Ab 01.01.2025 werden die Neubaustandards an den KfW-EH 40 angeglichen.

„Es braucht nun eine ‚Legislatur der Wärme‘, denn der Gebäudesektor verfehlt die Klimaziele voraussichtlich auch 2021“ sagt Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE). Es ist der Titel eines BEE-Papiers mit Maßnahmenkatalog für die Politik, das der Verband in der Vorwoche vorstellte. Eine Aufholjagd sei nötig und die müsse sofort losgehen. Bis 2030 muss der Anteil der Erneuerbaren im Wärmesektor verdreifacht werden. Beim Strom plant die Ampel 80 %. Eine zentrale Rolle spiele die Sektorkopplung. Dafür schlägt das BEE-Papier z. B. das Inkrafttreten der Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW) vor. Der CO2-Preis müsse sofort von 30 auf 60 Euro steigen, mit jährliche Steigerungen um 30 Euro und einer sozial verträglichen Aufteilung der CO2-Kosten. Zu guter Letzt müssten Kommunen Flächen nicht nur für die Stromgewinnung, sondern auch für Solar- und Geothermie bereitstellen und die Privilegierung der Erneuerbaren Wärmeerzeugung müsse im Baugesetzbuch verankert werden.

Die BEG-Förderung ist ein Erfolg

Die Einführung der BEG-Förderung bescherte der Wärmepumpe einen starken Schub. Die Förderzusagen insgesamt stiegen von 1,8 in 2019 auf über 18 Mrd. Euro in 2021, erläutert Jens Acker, Leiter des Referats Bundesförderung Effiziente Gebäude, BMWi. 2021 werden über 300 000 Anträge erwartet, sagt Dr. Ina Bartmann, Leiterin BAFA-Außenstelle Weißwasser. Beantragt wurden

  • 47 % Heizungstechnik, davon 46 % Ölaustauschbonus
  • 5,6 % Heizungsoptimierung
  • 26,3 % Gebäudehülle

27 % der Gelder im Bereich Heizung sind für Wärmepumpen, davon 71 % Luft/Wasser- und 17 % luftgeführte Wärmepumpen.

Wer soll 6 Mio. Wärmepumpen bis 2030 einbauen?

„Wir brauchen weder über Notwendigkeit noch Förderungen zu reden, wenn nicht klar ist, wer die Wärmepumpen einbauen soll“, sagt Martin Heiler, Heizungsbaumeister und Entwickler in Waghäusel, Landkreis Karlsruhe. „Die größte Aufgabe der Politik ist die Bekämpfung des Fachkräftemangels.“ Sein Betrieb installiert jährlich 100 bis 150 Wärmepumpen und das Auftragsbuch ist bis Ende 2022 voll. Eine Transformation des Sektors, wie sie die Ampel-Koalition plant, sei sicher wünschenswert, merkt er an, aber die Ausbildung neuer Fachkräfte dauere vier Jahre, und bis dahin gebe es eine neue Regierung.

„Der Austausch eines fossilen Heizsystems gegen eine Wärmepumpe dauert etwa doppelt so lange wie der Ersatz eines Gaskessels“, sagt Dr. Kai Schiefelbein, Geschäftsführer bei Stiebel Eltron. Sein Vorschlag zur Personalgewinnung: Die neuen Installateure könnten z. B. aus der Autozulieferindustrie kommen, die Arbeitsplätze abbaue. Heiler hat da Zweifel, denn diese Leute sind finanziell besseres gewöhnt und erhöhe man die Löhne im Handwerk, müsste der Mehrpreis auf die Kunden umgelegt werden. Darin sieht Schiefelbein wiederum kein Hindernis.

Zudem ist die Ausbildung und auch das Handwerk selbst bei der Wärmepumpe nicht überall auf dem neuesten Stand. Jungen Menschen, die das Klima retten wollen, kann bei der Ausbildung im traditionellen Betrieb der Enthusiasmus schnell schwinden, wenn Gas- und Ölheizung weiterhin Favorit bleiben. Es hilft auch nicht, wenn sogar Gebäudeenergieberater zum Teil von Wärmepumpen abraten, wie Marek Miara, Koordinator Wärmepumpen am Fraunhofer ISE, zu berichten weiß.

„Heute spart auch die schlechteste Wärmepumpe gegenüber fossilen Heizungen Energie ein“, sagt Kai Schiefelbein. Aufgabe der Industrie sei es aber, Planung und Installation zu vereinfachen, Kältemittel mit GWP-Werten unter 150 einzusetzen und die Mengen zu reduzieren. Hier kommt auch die neue F-Gase-Verordnung ins Spiel, die ab 2023 gelten wird. Zudem müssen Effizienz und Vorlauftemperaturen steigen. Und die Digitalisierung (Stichworte Energiemanagement, SmartHome Integration, Fernwartung) müsse vorangetrieben werden.

Doch der Wandel ist unterwegs. Die zahlreichen Projekte, die im Laufe des Forums vorgestellt wurden, sind Zeugnis für die technische Machbarkeit und den wirtschaftlichen und ökologischen Sinn der Wärmepumpe. (Sc)

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Elektrisch heizen 4future
Seite 26 bis 27
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