VDI

Energiewende-Dilemma durch fehlenden Nachwuchs

Im ersten Quartal 2022 hat sich die Lage auf dem auf Ingenieur*innen Arbeitsmarkt weiter dramatisch verschärft. Dies ist eine unmittelbare Bedrohung für die Umsetzung der deutschen Klimaziele.

Die Bedeutung der technischen und naturwissenschaftlichen Kompetenz für den Klimaschutz sollte in den Schulen und bei der Studienorientierung deutlicher hervorgehoben werden. Quelle: stock.adobe.com/valerii
Die Bedeutung der technischen und naturwissenschaftlichen Kompetenz für den Klimaschutz sollte in den Schulen und bei der Studienorientierung deutlicher hervorgehoben werden. Quelle: stock.adobe.com/valerii

In den Ingenieur- und Informatikerberufen konnten 151.300 offene Stellen nicht besetzt werden. Der zuletzt ermittelte Rekordwert an offenen Stellen wird laut aktuellem VDI-/IW-Ingenieurmonitor erneut deutlich überschritten.

"Der Fachkräftemangel wird damit zum Bremsklotz. Vorhaben wie die beschleunigte Energiewende drohen zu scheitern", sagt Ralph Appel, Direktor des VDI auf der Hannover Messe 2022.

"Angesichts der Forderungen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, dass die Energiewende dreimal so schnell von statten gehen soll, bekommt die Entwicklung eine ganz spezielle Dramatik. Wir stehen nämlich vor einem Energiewende-Dilemma - ausgelöst durch den Fachkräftemangel", ergänzte Appel.

Laut Prof. Dr. Axel Plünnecke vom IW Köln kann die steigende Nachfrage an Fachkräften durch Klima- und Energiewende nicht gedeckt werden. "So erwarten für die kommenden fünf Jahre 32 Prozent aller Unternehmen und sogar 63 Prozent aller Unternehmen ab 250 Beschäftigten einen steigenden Bedarf an IT-Experten speziell zur Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte." Der Ausblick sei trübe, da die Anzahl der Studienanfänger*innen in den Ingenieurwissenschaften und Informatik in den letzten fünf Jahren um rund 15 % gesunken ist. "Daher ist in den kommenden Jahren weiterhin mit sinkenden Zahlen an Absolvent*innen zu rechnen", sagte Plünnecke auf der Hannover Messe.

Engpässe in Ingenieurwesen und Informatik

Rekordwerte zeigen sich vor allem in den Ingenieurberufen Bau, Energie- und Elektrotechnik sowie in den Informatikerberufen. Setzt man die Zahl der offenen Stellen in Bezug zur Zahl der Arbeitslosen, ergibt sich die Engpasskennziffer in Ingenieur- und Informatikerberufen. Im ersten Quartal 2021 kamen rechnerisch auf 100 Arbeitslose noch 222 offene Stellen. Im ersten Quartal 2022 stieg diese Engpasskennziffer auf 418 offene Stellen je 100 Arbeitslose.

Am größten sind die Engpässe gemessen an der Engpassrelation in Bayern mit 598 gefolgt von Sachsen mit 567 und Sachsen-Anhalt/Thüringen mit 544 gesamtwirtschaftlichen Stellen je 100 Arbeitslosen. In den ostdeutschen Bundesländern ist vor allem die demografische Entwicklung ein Grund der hohen Engpässe, in Bayern hingegen das hohe Beschäftigungswachstum. Am geringsten ist die Engpassrelation in Berlin/Brandenburg mit 268 Stellen je 100 Arbeitslose.

VDI-Direktor Ralph Appel macht in Hannover noch einmal deutlich, wie prekär die Lage auf dem Arbeitsmarkt besonders in Hinsicht auf die Energiewende wirklich ist: "Es ist offensichtlich, dass angesichts des demografischen Wandels und des damit einhergehenden rein zahlenmäßigen Rückgangs unseres Nachwuchses, es nicht ausreichen wird, junge Menschen für Technik zu begeistern. Was ist also aus Sicht des VDI noch notwendig? Der VDI fordert die Fachkräftezuwanderung zu vereinfachen und eine Entbürokratisierung auf breiter Ebene zu ermöglichen. Wir brauchen als weiteren Mosaikstein zur Bewältigung des Fachkräftemangels die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland."

"Wir brauchen ein Wechselspiel zwischen Politik, Lehre und Institutionen. Alle müssen an einem Strang ziehen, um diese so wichtige Energiewende zu schaffen", appelliert Appel. Dabei gehe es nicht nur um den Klimawandel, sondern auch um die dringend notwendige digitale Transformation der Wirtschaft in Deutschland.

Fachkräfte gewinnen: Potenziale von Frauen und ZuwanderInnen nutzen

"[...] Gebäude, Anlagen und Infrastrukturen werden zunehmend effizienter und intelligenter. Dahinter stehen oft eine komplexe Technik sowie innovative und digitale Lösungen. Hierfür qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, ist eine echte Herausforderung. Daher wird es für uns im Recruiting noch wichtiger, auch mal andere Wege zu gehen, in den direkten Dialog zu treten, Kontakte aufzubauen, zu pflegen und die Kontakte unserer Mitarbeitenden zu potenziellen neuen Kolleginnen und Kollegen zu nutzen" sagt Peggy Denner, Personalleitung People & Culture bei SPIE Efficient Facilities GmbH. "Ganz gezielt legen wir sehr großen Wert auf die Ausbildung junger Menschen, wir wollen mehr Frauenpower bei SPIE und haben dafür viele Programme und Maßnahmen auf den Weg gebracht."

Ingenieur:innen als Klimaschützer

Der VDI sieht Potenziale für den Arbeitskräftemarkt insbesondere bei der Gewinnung von Frauen und einer verbesserten Zuwanderungspolitik. Bei der Gewinnung von Nachwuchs seien gerade junge Frauen besonders ansprechbar, wenn es um den Klimaschutz geht, sagt Dieter Westerkamp, Bereichsleiter Technik und Gesellschaft beim VDI e.V. Die Bedeutung der technischen und naturwissenschaftlichen Kompetenz für den Klimaschutz sollte in den Schulen und bei der Studienorientierung deutlicher hervorgehoben werden. Wichtig sei eine klischeefreie Berufs- und Studienorientierung.

Die Nachwuchsgewinnung sollte schon in der Schule beginnen, durch bessere naturwissenschaftliche Bildung und etwa die Einführung eines Schulfaches Technik. Schwierigkeiten ergeben sich hier wie auch beim Fach Informatik u.a. durch den ebenfalls fehlenden Nachwuchs an Lehrpersonal für MINT-Fächer und die nachteilige Gehaltsstruktur im Bildungssektor, die Quereinstiege aus der Industrie verhindere, so Axel Plünnecke.

Warum Mädchen sich weniger für Technik zu interessieren scheinen, kann sich der VDI offenbar nicht erklären. "Irgendwas passiert da im Alter von 10+", sagt Plünnecke, aber was genau, könne er nicht sagen. Dem Problem abhelfen kann möglicherweise ein interdisziplinärer Blick in die Forschung zu Geschlechterunterschieden und ihrer Beseitigung im deutschen Bildungswesen.

Ein Rückblick auf das Konzept der polytechnischen Oberschule der ehemaligen DDR könnte ebenfalls einen Versuch wert wein. Dort gab es zwar kein Fach Technik, aber eine sehr gute naturwissenschaftliche Ausbildung und ab der 9. Klasse einen 14-tägigen so genannten "Unterrichtstag in der Produktion", der Schülerinnen und Schüler mit diversen Produktionszweigen bekannt machte und i.d.R. auch technische Fertigkeiten vermittelte.

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